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Andorra

Mit „Andorra“ von Max Frisch hatte sich die Theater-AG von Frau Schäpers diesmal ein zumindest in der Schülerschaft recht bekanntes, aber nicht gerade leicht zu spielendes Stück ausgesucht.

Die Premiere am Sonntag, dem 12. November, zeigte jedoch, dass die Akteure den vielfältigen darstellerischen Herausforderungen durchaus gewachsen waren. Ihr gekonntes Spiel zog die Zuschauer in der voll besetzten Aula fast drei Stunden lang in seinen Bann. Gefesselt verfolgten sie das Geschehen um Andri, der Hauptperson, und belohnten die Schauspielerinnen und Schauspieler mit lang anhaltendem Applaus vor der Pause und insbesondere am Schluss.

Durch eine Power-Point-Präsentation und eine eigens für diesen Zweck komponierte Musik wurde das Publikum in die passende Stimmung gebracht. Spätestens beim Aufmarsch der „Schwarzen“ wurde auch denen, die das Stück nicht kannten, klar: Das hier geht nicht gut aus. Es wird (ein) Opfer geben. Wer die Bilder aufmerksam betrachtet hatte, wusste auch schon: Es geht um (einen) Juden.

Kühle Farben dominierten das von Regina Wiggers bewusst sparsam gestaltete Bühnenbild.   Den Umbau der multi-funktional einsetzbaren Kisten erledigten die Akteure bei offener Bühne selbst, was wie die moderne Kleidung, die sie trugen, zu der gewünschten Irritation bei den mit den Elementen des epischen Theaters nicht so vertrauten Schülerinnen und Schülern führte. Auch die Kostüme waren gewollt unspektakulär: Andris reinweißes Hemd stach immer aus der ansonsten überwiegend  grauen Andorranerschar heraus.

Bei so wenig Ablenkung für das Auge konzentrierte sich die Aufmerksamkeit der Zuschauer natürlich auf das Spiel, das hauptsächlich durch die Dialoge geprägt war: Hier muss allen Akteuren ein großes Lob ausgesprochen werden. Die darstellerische Leistung in diesem Bereich war hervorragend! Sie erwiesen sich als textsicher und ausdrucksstark. Diese starke Sprech-Leistung wurde durch den Einsatz von genau dosierter, nie übertreibender und gut überlegter Gestik und Mimik noch betont.

Daniel Terhaar als Andri hatte die schwierigste, weil wichtigste und facettenreichste Rolle.

Er verstand es hervorragend, alle Phasen des durch die Andorraner erzwungenen charakterlichen Wandels darzustellen. Aus dem  freundlichen, angepassten jungen Mann mit ganz normalen Wünschen für die Zukunft, einem „Everybody’s darling“, wurde nach und nach ein sichtbar von Selbstzweifeln gequälter, frustrierter und dann zunächst verhalten, später offen aggressiver Erwachsener, der am Schluss seine ihm zudiktierte Identität als Jude mit all den ihnen zugeschriebenen schlechten Eigenschaften übernimmt.

Selbst Barblin, sehr glaubwürdig gespielt von Naila Darwisch, dringt mit ihrer tiefen, ehrlichen Zuwendung, die sie auch in kritischen Situationen zu ihm stehen lässt, nicht mehr zu ihm durch.

Diejenigen, die für diese dramatische Veränderung Andris und seinen Tod am Schluss verantwortlich sind, sind nicht einzelne, greifbare Individuen, sondern eine Gruppe, die in ihm eine Projektionsfläche für ihre eigenen Schwächen sieht. Alle entlarven sich durch ihr Tun und Reden selbst, merken es aber nicht und weisen an der Zeugenschranke jede Schuld von sich.

Möglicherweise die größte Schuld auf sich geladen hat der Lehrer. Dieser geschwätzige Weltverbesserer, dieser Heuchler, der sich selbst nicht ertragen kann und Zuflucht und Vergessen im Alkohol sucht, wurde absolut überzeugend verkörpert von Jan Lis. Er verstand es sehr gut, die dieser Figur innewohnende Tragik darzustellen. Der Hinweis, dass die Szenen, in denen er den Betrunkenen mimte, beim Publikum besonders gut ankamen, mindert den Wert seiner beeindruckenden Leistung dabei keinesfalls.

Einer, der seine Schuld zumindest in Ansätzen  sieht, ist der Pater. Mit Jonas Fink war diese Rolle optimal besetzt. Hände mal reibend, mal gefaltet, salbungsvoll, aber nie übertrieben agierend stellte er den bigotten Priester, den Christen von Beruf, dessen Handeln und Reden nie zueinander passen, so echt dar, dass einem manchmal unbehaglich wurde.

Das Unbehagen steigerte sich natürlich noch, wenn der Soldat auftrat. Mike David hatte diesen Part übernommen, was allein schon großen Respekt verdient, weil er als ausgemachter Fiesling auf keinerlei Sympathie hoffen konnte. Problemlos meisterte er alle Anforderungen, die diese Rolle an ihn stellte: Er präsentierte uns einen offen triebgesteuerten, brutalen und an Selbstüberschätzung leidenden Sadisten, dem die Verhältnisse es ermöglichen, Macht über andere auszuüben und daran Spaß zu haben. Unfähig zu Bindung und Gefühl  funktioniert er am Schluss auch als kühler, mitleidsloser Gehilfe der neuen „schwarzen“ Macht.

Der Wirt, der wie alle anderen Anri angeblich gut gesonnen sind, ist nur vordergründig ein kumpelhafter Typ. Konrad Leewe schaffte es gut, die dunkle Seite des natürlich nur des Umsatzes wegen (gast)freundlichen Andorraners durchscheinen zu lassen, der sogar eine Schwarze bei sich aufnimmt. Es wundert einen dann nicht mehr, dass er sich als der Mörder der Senora entpuppt.

Der Tischler (Johannes Wegmann) und  der Geselle (Dirk Nienhues) sehen sich ebenfalls als Menschen, die Andri eher nutzen als schaden wollen. Doch beide benutzen ihn, der eine bewusst, der andere vielleicht weniger bewusst, weil zu naiv, für ihre Zwecke und lassen ihn dann fallen.

Die wenigen Frauenrollen verlangten von ihren Darstellerinnen ganz unterschiedliche Leistungen, die sie alle mühelos erbrachten. Die Mutter (Kristin Ikemann) blieb ihrer Rolle gemäß bewusst blass. Die Senora (Sarah Kuse) präsentierte sich ihrem Sohn und damit dem Publikum als wenig herzliche, herbe Persönlichkeit.  Für die wenigen Farbtupfer in der Inszenierung sorgten die Kostüme der Frau Doktor und des „Jemand“. Julia Stein als nervöse, getriebene Frau Doktor zeigte deutlich, dass diese etwas zu verbergen hatte – und sei es nur eine gescheiterte Karriere. Martina Fier im papageienartig bunten Outfit schaffte es durch beständiges Plappern mit  gekünstelt hoher Stimme und stakkatoartigen Bewegungen, die Oberflächlichkeit dieses Charakters darzustellen.

Dominik Terweh als Idiot schaffte es mit wenigen Mitteln (Frisur, Kleidung, beständiges blödes Lächeln) seine Rolle angemessen zu verkörpern – und gewann damit deutlich die Sympathie des Publikums.

Der Judenschauer und die „Schwarzen“, die mit ihren Sonnenbrillen nicht nur anonym blieben, sondern heutigen Securities stark ähnelten, schüchterten mit ihren Drohgebärden nicht nur die Andorraner ein. Auch das Publikum fühlte sich umzingelt von ihnen eher unwohl.

Das Bass-Solo nach Andris Tod gab den Zuschauern eine kurze Gelegenheit zum Nachdenken über das Gesehene. Doch die Betroffenheit sollte noch gesteigert werden: In der letzten Szene wird klar, dass es noch ein weiteres Opfer gegeben hat. Barblin weißelt wie zu Beginn des Stückes – doch nun hat sie den Verstand verloren.

Zurück blieb ein beeindrucktes und nachdenkliches Publikum. Die Botschaft des Stückes war offensichtlich angekommen- ein Ziel, das die Regisseurin Renate Schäpers während der monatelangen Proben stets vor Augen hatte und das nun erreicht war. Ihr gebührt ein ganz besonderes Lob. Sie und ihre Theater-AG hatten sich einer schweren Aufgabe gestellt und diese -wie gewohnt- meisterhaft bewältigt.                                                            C. Liebermann

 

 

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