Evolution oder Schöpfung?
Aufwendige Bücher wurden der Schule offensiv zugesandt.
Bei jeder Text-Auslegung muss gefragt werden: Worauf will der Text Antwort geben? Ich verstehe eine gegebene Antwort erst dann, wenn ich die vorausgehende Frage kenne. Wir wissen aber heute: Die Bibel will nicht die Frage beantwortet: Wie hat Gott die Welt gemacht? Sondern: Woher kommt letztlich und eigentlich all das, was wir „Welt“ nennen? Antwort der Bibel und damit der jüdisch-christlichen Denktradition: einzig und allein von Gott. Gott ist der Schöpfer der Welt. Die Welt ist Schöpfung Gottes. Wer aber meint, die Bibel gäbe auch Antwort auf die naturwissenschaftliche Wie-Frage, kommt unweigerlich zu falschen Ergebnissen.
Frau Bärbel Weiland, Studiendirektorin an der Canisiusschule nimmt Stellung:
Evolution oder Schöpfung?
Kreationisten werben offensiv für ihre Weltanschauung an kirchlichen Schulen
Die Frage nach der Vereinbarkeit von biblischem Schöpfungsglauben und Evolutionstheorie ist in der modernen Theologie und in den Naturwissenschaften seit langem geklärt und positiv beantwortet. Kreationistische Vorstellungen, „Schöpfungswissenschaft“ oder die Vorstellung vom „intelligent design“ seien eher eine US-amerikanische Angelegenheit. So dachten viele bisher.
Doch längst schwelt auch in Deutschland die Debatte um Schöpfung und Evolution – nicht zuletzt weil Kreationisten mit wertvollen Buchgeschenken offensiv Werbung betreiben. So bekam die Canisiusschule in der ersten Aprilwoche sechs Exemplare eines „Atlas der Schöpfung“ zugesandt – unaufgefordert und unerwünscht.
Die erste Reaktion der Kolleginnen und Kollegen war, die Bücher zurück an den Absender zu schicken. Doch möglicherweise können diese Exemplare auch ganz gut als Anschauungsmaterial für eine kritische Auseinandersetzung mit kreationistischen Vorstellungen einerseits und christlichem Glauben und Naturwissenschaft andererseits dienen.
Als Lehrerin für Biologie und katholische Religionslehre will ich aus der Sicht beider Fächer einen kurzen Blick auf den Kreationismus werfen.
Als Kreationismus werden Anschauungen bezeichnet, in denen „Schöpfung“ als Gegensatz zur Evolution verstanden und als Ursache für die Entstehung und Vielfalt der Lebewesen angesehen wird.
Die biologiefachliche Perspektive:
Für die Kreationisten ist Evolution „nur eine Theorie“ und damit im umgangssprachlichen Verständnis nicht mehr als eine Spekulation, die bloß ausgedacht und nicht empirisch überprüft ist.
Dagegen muss man halten: Die Evolutionstheorie ist in der konsequenten Anwendung des hypothetisch-deduktiven Verfahrens Teil einer empirischen Wissenschaft. Auch wenn die Evolution Aussagen über die Vergangenheit macht, gelten doch bei diesem Verfahren dieselben methodischen Voraussetzungen, wie sie für die Erforschung aktueller Prozesse und Strukturen der Lebewesen vorgegeben sind. Kontroversen und Unsicherheiten in der Interpretation der Ergebnisse sprechen dabei nicht gegen, sondern für den naturwissenschaftlichen Charakter der Evolutionsbiologie.
Die theologiefachliche Perspektive:
Ursprung aller kreationistischen Vorstellung ist das buchstäbliche Verständnis der alttestamentlichen Schöpfungsgeschichte. Doch es gilt das Wort des jüdischen Theologen Pinchas Lapide (1822-1890): „Man kann die Bibel entweder wörtlich oder ernst nehmen. Beides zugleich geht nicht.“
Und bereits die antiken Kirchenväter, allen voran Augustinus (354-430 n. Chr.), haben betont, dass die Bibel kein wissenschaftliches Lehrbuch ist. Ihre Aussagen seien vielmehr metaphorisch auszulegen.
Das biblische Lied über die Schöpfung betrachtet den Menschen, seine Herkunft und seine Beziehung zu Gott aus einer bestimmten Perspektive. Es enthält viele Wahrheiten, aber keine naturwissenschaftliche Wahrheit.
Insofern kommt bei den Kreationisten die eigentliche Wahrheit, die die Schöpfungsgeschichte veranschaulichen will, überhaupt nicht in den Blick.
Was treibt die Kreationisten um, dass sie mit der Versendung hochwertiger Bücher eine derartig kostspielige Werbekampagne veranstalten?
Unterstellt man wie M. Mahner (in: Freudig, D.: Faszination Biologie. Elevier, München 2005), dass kreationistische Vorstellungen mit einer überwiegend engstirnigen politischen Einstellung und Agitation verbunden sind, die als gefährlich und reaktionär zu bewerten sind, so ist sicher keine Gesprächsgrundlage gegeben.
Wenn ein Motiv der Kreationisten die Sorge um die Schöpfung bzw. den Erhalt der Lebensgrundlagen auf unserer Erde ist, dann kann uns zumindest das einen. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass das Gottesbild der Kreationisten i.S. eines „intelligent designers“ der Größe und Einzigartigkeit Gottes nicht gerecht wird. Darum fordert der Glaube an den Gott der – ernst genommenen und nicht wörtlich verstandenen – Bibel viel stärker zu einem Engagement für das Leben heraus als der „kleine“ Gott der Kreationisten.
Und damit folgen wir dem Wort, das unserem Schulpatron Petrus Canisius so wichtig und wahr geworden ist:
Deus semper major.

Kurz notiert
Klausurenphase 4 in EF, Q1, 12 - Pläne online!

