Gegen das Vergessen
Hermann Löhring von der Anne-Frank-Realschule gibt bewegenden Einblick in die Schicksale ehemaliger jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger aus Ahaus.
Im Rahmen der Holocaust-Gedenkwochen der Fachschaft Geschichte gewährte heute Hermann Löhring den Schülern und Schülerinnen der Stufe 9 einen bewegenden Einblick in einzelne Schicksale ehemaliger jüdischer Mitbürger und Mitbürgerinnen aus Ahaus. Hermann Löhring ist Lehrer an der Anne-Frank-Realschule und dort auch seit Jahren als Leiter der so genannten „Stolperstein-AG“ tätig.
Durch die Gegenüberstellung der Namensgeberin der Realschule, Anne Frank, und der Ahauser Jüdin Henny de Jong wurde schon zu Beginn des Vortrags deutlich, wie unterschiedlich Gedenken und Erinnerung an Holocaust-Opfer aussehen kann.
Während Anne Frank durch die Veröffentlichung ihres Tagebuchs nach dem Krieg bekannt geworden ist und damit an sie und ihr Schicksal, ihr qualvoller Tod im Konzentrationslager Bergen-Belsen, erinnert wurde, sieht das Gedenken an Henny de Jong ganz anders aus. Auch die Nachfrage bei den Schülern stellte nur allzu klar heraus, dass Anne Frank durchaus vielen Schülern bekannt ist, Henny de Jong aber kaum jemanden. Dabei wohnte sie doch hier in Ahaus, ging durch unsere Straßen und wuchs hier unter zunächst weitgehend alltäglichen Verhältnissen auf. Herr Löhring wies an dieser Stelle daraufhin, wie integriert die Ahauser Juden waren: Fotos von Nachbarschaftskarnevalsfeiern und Schützenfesten sowie Werbeanzeigen von Metzgereien und Textilkaufhäusern, aber auch die Verteilung der Wohnhäuser über das gesamte Stadtgebiet stellen unmissverständlich klar, dass die jüdischen Familien lange Zeit beständiger Teil der Ahauser Gesellschaft und des Ahauser Stadtbilds waren.
Umso wichtiger, dass die Erinnerung, das Gedenken an sie nicht verloren geht. Immer wieder las Herr Löhring kurze Auszüge aus den vielen und vielfältigen Publikationen, die von heutigen und ehemaligen Schülern der Stolperstein-AG verfasst wurden, vor. In einer sehr persönlichen, fiktiven Briefform richten die jungen Autoren sich direkt an die Opfer, stellen Fragen, suchen Antworten und informieren den Leser dennoch über die wichtigsten Fakten zu den einzelnen Schicksalen.
Beeindruckend waren für die Schüler und Schülerinnen auch die Anekdoten zu heutigen Reaktionen von Überlebenden des Holocaust auf die Arbeit in der Stolperstein-AG. So erzählte Herr Löhring u.a. auch über den Versuch mit Marga Cohen, einer ehemaligen Schülerin unserer Schule, die heute in New York lebt, Kontakt aufzunehmen. Marga Cohen ist in der Vergangenheit zwar öfter heimlich in Ahaus gewesen, um das Grab ihrer Mutter zu besuchen, will aber ansonsten mit Ahaus, das sie in einer ihrer wenigen Antworten „ugly town“ nennt, nichts mehr zu tun haben. Herr Löhring merkte hier an, dass man für solche Reaktionen, auch auf gut gemeinte Schülerbriefe, vor dem Hintergrund dessen, was Marga und ihre jüngere Schwester Miriam in Ahaus und später im Rigaer Ghetto sowie im KZ Stutthoff erlebten, Verständnis haben müsse. Es grenze an ein Wunder, dass die beiden jungen Mädchen die so genannte „Hölle von Stutthoff“ überhaupt überlebt haben.
Abschließend erschütterte Herr Löhring mit dem Schicksal von Henny de Jong, dem 16-jährigen jüdischen Mädchen aus Ahaus. Wie Anne Frank floh sie zunächst in die Niederlande, nur um von dort aus über das Durchgangslager Westerbork (NL) nach Auschwitz deportiert zu werden, wo sie noch am Ankunftstag selektiert und vergast wurde.
Mit einem Appell, die jüdischen Familien aus Ahaus nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, sondern regelmäßig an sie zu erinnern, schloss Herr Löhring den Vortrag, denn sonst hätten die Nazis genau das erreicht, was sie wollten, nämlich die Juden und ihre Erinnerung an sie auszulöschen.
(Sch)

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