Deportation
Winfried Nachtwei (MdB 1994-2009) hielt am Holocaust-Gedenktag einen Vortrag über das Schicksal der münsterländischen Juden im Ghetto Riga.
Als der ehemalige Bundestagsabgeordnete Winfried Nachtwei seinen bebilderten Vortrag über das Schicksal der Ahauser und münsterländischen Juden im so genannten Reichsjudenghetto im lettischen Riga beendet, herrscht in der vollbesetzten Aula der Bischöflichen Canisiusschule schließlich ungewohnte Stille. Die Fassungslosigkeit angesichts grausamster Verbrechen an jüdischen Mitmenschen ist vielen Anwesenden anzusehen.
Winfried Nachtwei, der auf Einladung der Fachschaft Geschichte am Holocaust-Gedenktag über einen Teilaspekt der Shoa, der Katastrophe, referiert, ist ein überzeugter Erinnerer, der einen engagierten Kampf gegen das Vergessen führt.
Er, der vor 22 Jahren während eines Urlaubs das erste Mal auf Spuren der Deportierten in Riga stieß und seitdem zu diesem Thema forscht, nähert sich dem Unbegreiflichen sehr strukturiert. So schildert er zunächst die Wochen bis zur Deportation, berichtet von Ausgrenzung, Judenhäusern, so genannten „Ordnungsgemäßen Evakuierungen“, dem zu entrichtenden Fahrpreis von 50 Reichsmark im „ermäßigten Gruppentarif“ für die Reichsbahn-Fahrt ins Verderben.
Er wendet sich dann Riga zu, das im damals besetzten Lettland liegt. Das mit Stacheldraht umzäunte Ghetto entsteht in der sogenannten „Moskauer Vorstadt“. Dort leben im Oktober 1941 auf engem Raum 30.000 Juden. Kein Platz mehr für die zu deportierenden Juden aus Deutschland. „Platz schaffen in Riga“ lautet Himmlers Auftrag deshalb und 100.000 Menschen bezahlen ihn bis zum 1.12.41 mit dem Tod. Die Deportation der münsterländischen Juden folgt am 13.12.41.
Die Stätten des Terrors werden von Winfried Nachtwei im Anschluss thematisiert. Neben dem Ghetto, den KZ und den Arbeitseinsätzen nennt er den Wald von Bikernieki. Hier befinden sich die größten NS-Massengräber Lettlands: 55 größere und kleinere Gräber. Ab 1941 werden hier zehntausende Menschen jüdischen Glaubens durch Massenerschießungen ermordet.
Angesichts des Ausmaßes der Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung schockiert es die meist jungen Zuhörer, wenn sie von der mangelhaften Aufarbeitung dieser Verbrechen in Deutschland bis in die 90er-Jahre hinein hören. Ein angemessenes Gedenken habe nie stattgefunden. Erst 1991 finden in etlichen deutschen Städten erste Erinnerungsveranstaltungen an die verschollenen, früheren Nachbarn statt. Gedenktafeln werden aufgestellt, Stolpersteine verlegt. In Riga selbst erinnert zu dem Zeitpunkt kein Wort an die Deportierten, zahlt der deutsche Staat ehemaligen Angehörigen der lettischen Waffen-SS eine Kriegsversehrtenrente, Überlebenden von Ghetto und KZ aber gar nichts. Anfang 1998 kann dann eine staatliche „Entschädigungszahlung" für die ehemaligen Ghetto- und KZ-Häftlinge in Osteuropa durchgesetzt werden. Am 30. November 2001 wird in Riga Bikernieki eine würdige Gedenkstätte eingeweiht.
Es zeichnet Winfried Nachtwei aus, das er die Vergangenheit mit der Gegenwart und Zukunft verknüpft. Er zeigt den Anwesenden, dass ein Genozid auch heute noch möglich ist und belegt dies mit dem Beispiel des Völkermordes in Ruanda 1994. Für die Zukunft fordert er, die Erinnerung an das unfassbarste Verbrechen wachzuhalten, nicht immer neue Gräberfelder und Gedenktage entstehen zu lassen.
Der Vortrag Winfried Nachtweis war eines der Angebote im Rahmen der Gedenkwochen zum Schicksal der jüdischen Bevölkerung der Stadt Ahaus, die von der Canisiusschule vom 23.1.-3.2.12 durchgeführt werden.
(Ade)

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